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Vom intergenerationalen zum intragenerationalen Tempo
Hartmut Rosa

Heute weisen Familienstrukturen eine unübersehbare Tendenz auf, eine intragenerationale Lebensdauer anzunehmen, wofür steigende Scheidungs- und Wiederverheiratungsraten sowie Haushaltsneuordnungen oder -auflösungen der deutlichste Beleg sind. Der Lebensabschnittspartner ersetzt heute tendenziell den Lebenspartner - dieses Argument postuliert keineswegs den Verfall des Ideals der bürgerlichen Familie per se, im Gegenteil: es ist problemlos vereinbar mit dem empirischen Befund, dass diese Lebensform in sogar wieder wachsendem Maße als soziales Wunschbild gilt und dass Individuen heute ungebrochen dazu neigen, (neue) Familienbindungen einzugehen. Die lebenslange Monogamie wird dabei immer öfter durch eine neue Form der "seriellen Monogamie", das "Liebespaar auf Zeit", ersetzt. Dabei handelt es sich letztendlich nur um eine bemerkenswerte Manifestation jenes "rasenden Stillstands", der die Spätmoderne insgesamt kennzeichnet.

Entgegen allen nahe liegenden empirischen Bedenken gegenüber einer solchen schematisierten Darstellung des Wandels von Familienstrukturen lässt sich in jedem Falle kaum leugnen, dass das Kontingenzbewusstsein im Hinblick auf Familienbindungen auch bei denen steigt, die sich dafür entscheiden, ein Leben lang zusammenzubleiben: Das Bewusstsein dafür, dass es auch anders sein könnte, und zwar durch eigene sowohl als durch fremde Entscheidung, und die daraus resultierenden Unsicherheiten und der Rechtfertigungszwang für die Beharrung nehmen unweigerlich zu.
Allein nämlich, dass jeder weiß, dass es bei anderen anders ist, stellt den eigenen Lebensverlauf unter Begründungspflicht und gebiert den Handlungszwang, sich als Person selber erfinden zu müssen. Dies stiftet eine symbolische Realität, hinter der der einzelne nicht zurück kann.

Schon dies verändert die Gesellschaft, unabhängig davon, ob denn nun tatsächlich alles anders geworden ist als in Zeiten, in denen sie noch aus wenigen Großgruppen bestand. Und im Gegensatz zu den "exogenen" Kontingenzen (Nichtnotwendigkeiten) und Wechselfällen wie Krankheiten, Naturkatastrophen, Auswirkungen gewaltförmiger Herrschaftsverhältnisse etc., welche vormoderne Familienstrukturen oft zerfallsbedroht werden ließen, sind die Kontingenzen spätmoderner Familienstrukturen selbsterzeugter, familienendogener Natur. Dieser Dynamisierungsbefund gilt nun auch und in sogar verstärktem Maße für die Entwicklung der Beschäftigungsverhältnisse. Auch hier lässt sich in typisierender Zuspitzung argumentieren, dass Berufe in der Vor- und Frühmoderne tendenziell von den Vätern an die Söhne weitergegeben wurden, sodass Berufs- und Beschäftigungsstrukturen eine gleichsam übergenerationale Stabilität aufwiesen. Die freie, aber in der Regel einmalige Wahl eines eigenen, lebenslangen und identitätsstiftenden Berufs wurde dann zu einem konstitutiven Merkmal der klassischen Moderne', in der Berufsstrukturen eine generationale Stabilität zeigten.

Finde deinen Beruf!, wurde neben gründe eine Familie! zum zweiten identitätskonstituierenden Auftrag zunächst an die jungen Männer, dann zunehmend auch an die jungen Frauen in den sich modernisierenden Gesellschaften. In der Spätmoderne dagegen scheinen Berufe und Beschäftigungsverhältnisse immer seltener über ein Erwerbsleben hinweg Bestand zu haben: Mehrfacher Berufs- und/oder Beschäftigungswechsel innerhalb eines Erwerbslebens (oftmals begleitet von längeren oder kürzeren Phasen der Beschäftigungslosigkeit) scheint sich nach der überwältigenden Mehrheit der empirischen Befunde von der Ausnahme zur Regel zu entwickeln. "Heute muss ein junger Amerikaner mit mindestens zweijährigem Studium damit rechnen, in vierzig Arbeitsjahren wenigstens elfmal die Stelle zu wechseln und dabei seine Kenntnisbasis wenigstens dreimal auszutauschen", befindet so etwa Richard Sennett in einer hierzu einschlägigen Untersuchung.

Auch für Deutschland, dessen Modell hoher betrieblicher Beschäftigungsstabilität sich bisher durch eine besondere Resistenz gegen Flexibilisierungsbestrebungen auszeichnete, lässt sich inzwischen eine unübersehbare Tendenz zur Beschleunigung des Beschäftigungsstrukturwandels und des Stellenwechsels von Beschäftigten erkennen. Empirische Studien sind in ihrer Tendenz eindeutig: sie finden eine deutliche Verkürzung durchschnittlicher Beschäftigungsdauer in einem Betrieb, eine Zunahme zwischenbetrieblicher Stellenwechsel, eine gestiegene Mobilität der Arbeitsnehmer, eine Zunahme kurz- und mittelfristiger Beschäftigungsverträge und insgesamt eine wachsende Instabilität von Beschäftigungsverhältnissen. Auch das (subjektive) Entlassungsrisiko nimmt deutlich zu. Damit zeigt sich, dass sich in den 90er-Jahren die Verhältnisse am Arbeitsmarkt in Richtung geringer Dauer und hoher Mobilität verändert haben. Solche Befunde bekräftigen die These, dass die spätmoderne Gesellschaft auch durch einen Übergang vom generationalen zum intragenerationalen Beschäftigungsstrukturwandel und Arbeitskräfteaustausch gekennzeichnet ist. Hinzu kommt, dass sich im Beschäftigungssektor stärker noch als bei den Familienformen (die sich in der Spätmoderne in beschränktem Maße ebenfalls pluralisiert haben) nicht nur die Beschäftigungsverhältnisse, sondern die Bandbreiten der Beschäftigungsformen und Berufssparten selbst rasch verändern. Die De-Regulierung der Arbeitsverhältnisse erzeugt neue Formen der Beschäftigung, etwa die Zeitarbeit und verschiedene Formen der Teilzeitarbeit, während vor allem die Informationstechnologien ganz neue Berufszweige hervorbrachten, die mit dem Verschwinden zahlreicher traditioneller Berufe einhergehen. Wiederum gilt auch hier, dass die Veränderungsdynamik gesellschaftsendogener Natur ist, dass Veränderungen durch eigene oder fremde Entscheidungen herbeigeführt werden können und dass das Kontingenzbewusstsein, d.h. die Unsicherheit über die kurz-, mittel- und langfristige Beschäftigungssituation, auch dort steigt, wo Berufe und Beschäftigungsverhältnisse nicht gewechselt werden.Definiert man Gegenwartsschrumpfung (Hermann Lübbe) als die generelle Abnahme der Zeitdauer; für die Erwartungssicherheit hinsichtlich der Stabilität von Handlungsbedingungen herrscht, so wird unmittelbar ersichtlich, inwiefern jene Formen der beruflichen und familialen Instabilität als Symptome der Beschleunigung des sozialen Wandels gedeutet werden können. Die rasche Veränderung, die Revidierbarkeit und Re-Kombinierbarkeit und damit die zunehmende Kontingenz von Praktiken, Konstellationen und Strukturen betrifft indessen auch andere Sozialbereiche, und zwar sozialstrukturell wie alltagspraktisch zentrale ebenso wie periphere.

In der hochbeschleunigten globalen Gesellschaft herrscht tendenziell die gleiche Unsicherheit über den zukünftigen Lebenspartner und Arbeitgeber wie über den Wohnort, die politische Orientierung und religiöse Ausrichtung als den zentralen Dimensionen moderner Mobilität und über die Stabilität der Handlungs-und Kontextbedingungen in peripheren Sozialdimensionen: Welche Telefon,- Versicherungs- und Energiegesellschaft, welche Freizeitvereinigungen, Geldanleger und Kranken- oder Rentenversicherer "morgen" (das in Lübbes Sinn immer näher an das "heute" heranrückt) noch existieren und günstige Bedingungen bieten werden, ist ebenso unsicher wie die Frage, welche Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehanstalten, Internetprovider, Suchmaschinen etc. mit akzeptablen Angeboten verfügbar sein (und welche Freunde und Bekannte noch in der gleichen Stadt wohnen) werden - ganz abgesehen von der Ungewissheit darüber, welche neuen Handlungsfelder und Praxisformen entstanden sein werden. (Die Frage nach dem Internetprovider und der Web-Suchmaschine oder der richtigen Telefongesellschaft, hätte noch vor einer Generation gar keinen Sinn gehabt). Für weniger problematisch halten wir dabei in der Regel die (beschleunigte) Veränderung von Moden, Produktpaletten und Kunststilen, da diese Bereiche konstitutiv auf Wandel hin angelegt sind, wenngleich es durchaus als lebensweltliche Verunsicherung empfunden werden kann, wenn die gewohnten Sorten und Marken an Kleidern, Nahrungsmitteln, Kosmetika etc. nicht mehr erhältlich sind. Die Verkürzung von Produktlebenszyklen wird dabei insbesondere dort für Händler und Käufer problematisch, wo die Innovationsgeschwindigkeit so hoch geworden ist, dass selbst Erstere alte und neue Modell nur noch mit Mühe auseinander halten können. Natürlich ist die Gegenwart, d.h. der Stabilitätszeitraum, in den verschiedenen Sozialbereichen unterschiedlich lang - sie währt etwa im Hinblick auf den Lebens(abschnitts)partner in der Regel länger als in der Kleidermode. Die These einer generellen Beschleunigung des sozialen Wandels besagt jedoch, dass die Gegenwart entweder in allen Bereichen oder aber zumindest in ihren aggregierten Wert über alle (gewichteten) Felder hinweg schrumpft.