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Autonomieverlust im Zeitalter der Eilkrankheit
Hartmut Rosa

Fragen wir im Sinne der Aufklärung danach, wie sich die Chancen auf eine Realisierung der modernen Konzeption gelingenden Lebens - auf die Verwirklichung des Autonomieversprechens der Moderne -  unter den Bedingungen der kapitalistischen Spätmoderne verändern, so scheint eine skeptische Diagnose unvermeidbar. Das lässt sich insbesondere an einer Verschiebung der Balance zwischen den motivationalen Antriebskräften dieser Gesellschaftsformation ablesen: Der angsterzeugende Aspekt des Systems gewinnt stetig an Gewicht (Wettbewerbszwänge verschärfen sich, die Absturz- und Ausschlussgefahr wächst, die Fallhöhe steigt), während der Verheißungsaspekt immer mehr zu verblassen scheint. Die Hoffnung, eine Position (der Sicherheit und des materiellen Reichtums) zu erreichen, von der aus eine selbstbestimmte, unabhängige Lebensgestaltung möglich wird, schwindet. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass der Übergang zu einem intra-generationalen Wandlungstempo mit einem Wechsel von »positionalen« zu »performativen« Wettbewerbs- und Anerkennungsverhältnissen einhergeht.

In der »klassischen Moderne« des generationalen Wandlungstempos war es für die Subjekte aussichtsreich, eine positionale Strategie zu verfolgen: eine bestimmte Berufsposition zu erreichen (das konnte am einen Ende des sozialen Spektrums die Position eines Geschäftsführers, Chefredakteurs oder Professors sein, oder näher an dem anderen Ende: die eines Schichtführers, Vorarbeiters oder festangestellten Raumpflegers), eine bestimmte Familienposition einzunehmen (vielleicht die des Ehemanns, Familienvaters oder Hausbesitzers), eine ehrenamtliche Position zu bekleiden etc. Solche Positionen sicherten Ein- und Auskommen, aber auch Status, Anerkennung, Sicherheit und vor allem: autonome Gestaltungsspielräume. Sie bildeten die Basis dafür, das eigene Leben als (in gewissen Grenzen) gestaltbares Projekt zu erfahren. In der Spätmoderne dagegen wandeln sich die Wettbewerbs- und Anerkennungskämpfe vom Positionskampf, der das Erreichen und Sichern von stufenförmig angeordneten Wettbewerbs- und Anerkennungsniveaus erlaubte, zum ununterbrochenen performativen Kampf: Anerkennung, Status und oft auch Einkommen werden jetzt nicht mehr durch das erreichte Niveau (die Position des Geschäftsführers, Professors, Chefredakteurs, Raumpflegers, Vorarbeiters oder Schichtführers) bestimmt, sondern über Performanzkriterien ständig neu ausgehandelt: Umsatzzahlen, Auflagen- und Einschaltquoten, Publikations- und Drittmittelbilanzen werden jährlich, halb- oder vierteljährlich neu bestimmt und ausgewertet; Zeitarbeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und befristete Arbeitsverträge signalisieren und erzwingen die Umstellung von Performanzkriterien und damit auf Dauerkonkurrenz und existenzielle Unsicherheit auf der weniger priveligierten Seite. Interessanterweise lässt sich diese Umstellung von Position auf Performanz auch in Familienverhältnissen und etwa im Bereich des Ehrenamtes beobachten: Lebensgemeinschaften beziehen ihre Legitimität immer weniger aus geschlossenen Verträgen (Ehe) und immer stärker aus der immer wieder neu zur Bewährung stehenden wechselseitigen »performativen« Befriedigung, und soziales Engagement verliert zunehmend seinen »Amts-«Charakter: Wie lange und wie intensiv jemand eine Aktivität ausüben will und darf, unterliegt einer stetigen, prozessbedingten Neubewertung.

Der Zwang, sich stets von Neuem und in allen Sphären des sozialen Lebens bewähren zu müssen, weil es keine Sicherheit über erreichte Niveaus gibt, untergräbt das Vertrauen darauf, sein Leben »im Griff« zu haben und daher selbstbestimmt gestalten zu können. Erstaunlicherweise zeichnet sich dieser Verlust autonomer Gestaltungsspielräume nicht nur in den zentralen Sphären des sozialen Lebens (Beruf, Familie, Politik, Ehrenamt etc.), sondern mit ebenso gravierenden Folgen auch in den peripheren Bereichen ab: Auch im Hinblick auf Telefon- und Stromtarife, Krankenversicherungen, Geldanlagen usw. gibt es kaum mehr »gesicherte Positionen«, sondern den wachsenden Druck zur ständigen performativen Überwachung und Neubewertung: Was heute eine erstklassige Versorgung (und damit gesicherte Autonomiespielräume) garantiert, kann schon morgen einen gravierenden Wettbewerbsnachteil mit sich bringen.

Wenn und soweit Autonomie aber Gestaltungsmacht, Gestaltungsfreiheit und Gestaltungsicherheit bedeutet, zeigt sich der Autonomieverlust darüber hinaus jedoch auch und gerade im Hinblick auf die materialen und technischen Strukturen, mit deren Hilfe wir unseren Alltag bewältigen: Indem wir funktionstüchtige Telefone, Fotokameras, Stereoanlagen und Computer erwerben, gewinnen wir die Chance, auch ehrgeizige Handlungsziele rasch und effizient umzusetzen: die Musik zu hören, die uns gehaltvoll erscheint, die Szenen festzuhalten, die wir bewahren wollen, die Kontakte herzustellen, die uns wichtig sind etc. Auch hier haben wir im Zuge des Modernisierungsprozesses gewissermaßen positionale Handlungsniveaus und Gestaltungsmacht durch technische Effizienz erreicht.

Allein, in der Spätmoderne droht uns diese positionale Autonomie und Gestaltungsmacht immer wieder von Neuem verloren zu gehen: Seit wir ein neues Handy haben, sind wir nicht mehr in der Lage, die wichtigsten Familienmitglieder per Kurzwahl zu erreichen, weil wir den Speicher verloren haben; wir wissen nicht, wo sich die Wahlwiederholungstaste befindet, wie sich die AB-Einstellungen justieren lassen etc. Zwar besitzen wir hunderte von Schallplatten, die es uns erlauben, nahezu jedes Musikstück, das uns teuer ist, zu hören - aber leider repariert niemand unseren alten Plattenspieler und viele der alten Schätze gibt es nicht oder besitzen wir nicht auf CD: das positionale Niveau, das wir in der Vergangenheit besaßen, ist geschrumpft; der facto können wir jetzt weniger hören, verfügen wir über weniger unmittelbar zugängliche Musik als vorher. Wer behaupten mag, das sei ein Sonderfall, irrt: Just während viele (interessanterweise vor allem Kultureliten) dabei sind, sich im Hinblick auf Spielfilmarchive mittels einer rapide anwachsenden DVD-Sammlung autonom zu machen, verkündet die Industrie bereits das definierte Ende, das Auslaufen der DVD-Produktion; vom längst eingeläuteten Ende des CD-Zeitalters gar nicht zu sprechen. Und weil der neue Computer nicht mehr mit der XP-Oberfläche, sondern mit Vista operiert, müssen wir sogar wieder neu lernen, wie man Dateien speichert, öffnet, ja, den Computer herunterfährt: Natürlich können die Geräte das alles und noch vieles mehr - aber wir hatten keine Zeit, es uns »anzuverwandeln«, wir können weniger und haben weniger Gestaltungsmacht als zuvor; wir müssen uns »performativ« die Gestaltungsmacht immer wieder neu aneignen, die wir zuvor einfach besaßen.

Dadurch büßen wir unsere Autonomiespielräume immer wieder ein: Wir müssen immer schneller rennen, um uns auf dem Laufenden zu halten, was die Sicherung der Spielräume anbelangt - an ihre zielstrebige, zeitresistente, langfristige, kurz: autonome Nutzung ist nicht mehr zu denken. [...] Festzuhalten bleibt, dass sich das Grundversprechen der Moderne - Autonomiesteigerung und -sicherung (durch Wachstum und Beschleunigung) - gewissermaßen auf der technischen Seite der Zivilisation so verselbstständigt hat, dass die technischen Gestaltungsmöglichkeiten zwar stetig zunehmen, aber der Ausschöpfungsgrad progressiv abnimmt. Die Umstellung der Wettbewerbs- und Anerkennungskriterien von Position auf Performanz kann dabei möglicherweise auch die signifikante Zunahme von Angst-, Depressions- und Burn-out-Erkrankungen, unter Umständen sogar von Krebskranken in der Spätmoderne erklären, insofern diese mit dem Verlust von Selbstwirksamkeitserwartungen bzw. Autonomieüberzeugungen korreliert sind. Wenn jedes Zeitalter seine eigenen Krankheiten hat, wie Walter Benjamin und Alain Ehrenberg vermuten, dann wird es kaum überraschen, dass diese Krankheiten mit der Erfüllung oder Nichterfüllung der stärksten Wertüberzeugungen dieses Zeitalters korrelieren.