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Die moderne Gesellschaft kann, insbesondere in ihrer gegenwärtigen Phase der Globalisierung, mit Fug und Recht als Beschleunigungsgesellschaft bezeichnet werden. Sie ist nicht nur durch revolutionäre technische Beschleunigungsfortschritte, insbesondere bei der elektronischen Informationsbearbeitung und -übertragung, gekennzeichnet, sondern auch durch extrem hohe Raten des sozialen Wandels - und der sozialen Unsicherheit: Nichts bleibt so, wie es ist, die Handlungsbedingungen ändern sich in steter Regelmäßigkeit. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, die Orte, an denen wir uns aufhalten und die sozialen Praktiken, an denen wir teilhaben, werden immer schneller ausgetauscht. Und selbst dort, wo sie de facto über längere Zeitstrecken Bestand haben, wissen wir doch nie, wie lange der Zustand noch fortdauern wird. Entsprechend steigt unser "Lebenstempo", das sich an der Zahl der Handlungen und Erlebnisse, die wir in einem bestimmten Zeitraum, etwa einem Tag oder einer Woche, unterzubringen versuchen, beständig an.

Und doch könnte die Kehrseite der sozialen Beschleunigung, nämlich die Wahrnehmung tiefliegender struktureller und kultureller Erstarrung, welche die moderne Beschleunigungsgeschichte stets wie ein Schatten begleitete, in der kulturellen Selbstwahrnehmung unserer Zeit paradoxerweise gerade aufgrund der hohen Unsicherheits- und Veränderungsraten die Oberhand gewinnen. Diese Wahrnehmung kommt in Vorstellungen vom "Ende der Geschichte", von der "Erschöpfung utopischer Energien" oder von der "Wiederkehr des Immergleichen" hinter der Fassade oberflächlicher Buntheit und Vielfalt zum Ausdruck.

Die Metapher des rasenden Stillstandes jedenfalls scheint für die Beschreibung der mit der gegenwärtigen Form "situativer" Identität verknüpften Zeiterfahrung doppelt angemessen: Die Zeit rast, weil im Raum der Ströme die sozialen Veränderungsraten steigen und weil die einzelnen "Erlebnisepisoden", die sich in unserem Alltagsleben aneinander reihen, so gegeneinander isoliert sind, dass sie kaum mehr Erinnerungsspuren hinterlassen und daher die Erfahrung des beschleunigten Vergehens der Zeit begünstigenWir brauchen "Souvenirs", weil wir uns sonst kaum mehr daran erinnern könnten, wo wir waren und was wir getan haben - wir müssen dafür eine Art "externes Gedächtnis" anlegen. Die Zeit steht still, weil sich in der zeitlosen Zeit hinter den Veränderungen keine Entwicklungen mehr erkennen lassen, so dass das Leben aufgrund der fehlenden zeitlichen Gestaltungsperspektive wie ein zielloses Treiben (Drift) durch immer aufs Neue wechselnde Situationen, und damit: wie die Wiederkehr des immer Gleichen erscheint.

1996 hat sich in Ostdeutschland der Anteil derer von 14 Prozent auf 32 Prozent verdoppelt, die meinen: "In meinem Leben ist eigentlich nichts Neues mehr zu erwarten. Es passieren sowieso nur Sachen, auf die ich keinen Einfluss habe", lautet etwa der Befund einer Studie. Verstärkt ist davon auszugehen, dass der Kampf mit der Zeit einen Schwellenwert erreicht hat, der das bisher dominierende Verständnis von Zeitlinearität in seine Schranken weist: Der Kult der Geschwindigkeit wird auf die Spitze getrieben, und die entfachte Dynamik droht in einem "rasenden Stillstand" zu erstarren.