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Kennen Sie das auch? Es geht schon am frühen Morgen los: der Wecker klingelt, es bleibt kaum Zeit zum Frühstücken, denn der Radiomoderator drängt zur Eile. Man hastet durch den Berufsverkehr, kaum an der Arbeitsstelle angelangt, folgt ein Termin auf den nächsten. Stress und Hektik sind heute Alltagsphänomene. Es gibt kaum jemanden, der sich diesen nicht ausgeliefert fühlt. Wir sind gehetzt. Wir sind spät dran. Uns läuft die Zeit davon. Wir sind ununterbrochen mit 'Multitasking' beschäftigt: Hier ein Anruf, dort eine Besorgung, hier rasch eine Aufgabe dazwischen geschoben, dort geschwind einen Auftrag weitergeleitet, und schon sind wieder drei E-Mail-Nachrichten eingegangen. Atemlos und gedanklich zerstreut an hunderterlei völlig heterogene Dinge laufen wir durch den Alltag, getrieben von notorischer Unruhe: Dieses Gespräch haben wir noch nicht geführt, jenen Brief vergessen, einen Kollegen nicht informiert, noch kein Geburtstagsgeschenk für den Sohn besorgt. So präsentiert sich unser aller Alltag: Er zerfällt in sich überlagernde Zeit- und Aufmerksamkeitsfragmente, die mit hoher Geschwindigkeit aufeinander folgen, sich aber zu keinem Lebensganzen mehr zusammenfügen und in uns das Gefühl permanenter Gehetztheit erzeugen. Was auch immer wir tun - stets sind wir schon zu spät dran, wenn wir damit anfangen.

Zeit scheint uns handelnden Menschen stets eine Naturtatsache zu sein: Sie ist eben da, und sie ist irgendwie immer knapp.
Deshalb stellen wir die Zeitzwänge und Zeitrhythmen so gut wie nie in Frage. Tatsächlich aber ist Zeit eine soziale Konstruktion und die moderne Gesellschaft wie keine Gesellschaft jemals zuvor eine zeitgesteuerte: Niemand schreibt uns mehr über moralische Gebote und Verbote vor, wie wir zu leben haben. Wir können glauben, wählen, heiraten, unsere Freizeit verbringen usw. wie wir wollen. Wieso aber fühlen wir uns dann dauernd im Stress, haben ständig das Gefühl, unter Druck zu sein, vor einer endlos langen Liste an Aufgaben zu stehen und daher nie Zeit für das zu haben, was uns "wirklich wichtig" ist? Weil sich das Dringende stets vor das Wichtige schiebt! Die Auftragsfristen, Verfallstermine und deadlines kommen in immer dichterer Folge und werden immer enger gezogen: Vorschulische Ausbildung spätestens mit drei, in die Schule mit fünf, Abi nach zwölf statt dreizehn Jahren, Studienabschluss nach sechs statt zehn Semestern etc. Moderne Gesellschaften werden über Fristen und deadlines gesteuert und koordiniert, nicht über Normen. Daher erwecken sie den Eindruck, ihren Mitgliedern völlige Freiheit zu gewähren, während sie sie in Wahrheit unter stärkeren und totaleren Druck setzen, als es traditionalistische Gesellschaften je vermocht hätten. Dadurch erzeugen sie für die in ihnen lebenden Subjekte aber ein großes Problem. Ihnen (also uns!) droht die Vermittlung von Alltagszeit, Lebenszeit und historischer Zeit zu misslingen.

Als Subjekte sind wir gezwungen, drei grundverschiedene Zeitebenen gleichzeitig im Blick zu behalten, sie miteinander zu vermitteln und zu harmonisieren: Die Alltagszeit (wann fährt der Bus, gleich schließt der Laden, um 16 Uhr muss die Tochter abgeholt werden); die Lebenszeit ("Mit 63 will ich in Rente gehen, bis dahin ein Eigenheim besitzen; ich möchte glückliche Kinder haben und beruflich bis zur Stelle eines Abteilungsleiters vorankommen, zugleich möchte ich mich als Geiger oder als Katholik entwickeln."); und schließlich die geschichtliche Zeit der eigenen Epoche ("In der heutigen Zeit muss man flexibel sein; heute kann man nicht mehr einfach Gärtner lernen, man muss Abitur machen; im Zeitalter der Globalisierung muss man mindestens eine Fremdsprache können."). Im Zeitalter der Beschleunigung fällt es uns aber immer schwerer, diese Vermittlungsleistung auf überzeugende Weise zu vollbringen: 
Wer kann schon noch einen sinnvollen Zusammenhang herstellen zwischen den oft sinnlosen, von Hetze geprägten Alltagspflichten und den Lebenszielen? Haben wir überhaupt noch einen lebenszeitlichen Horizont? In der Regel begnügen wir uns damit, unsere je momentane Existenz vor uns selbst und anderen als vorübergehend zu rechtfertigen: Ich mache das halt jetzt mal so ("Ich mache jetzt diese Ausbildung; ziehe eben mal für eine Zeit nach soundso; probiere es mal, mit X oder Y zusammenzuleben.") Was die Zukunft bringt, bleibt offen ("Gut möglich, dass ich alles wieder rückgängig mache oder ändere oder dass sich die Umstände ändern."). Und was uns das Zeitalter noch alles abverlangen mag, lässt sich ohnehin nicht vorhersagen die Welt ist kaum mehr lesbar. Kurz: Alltag, Leben und Epoche zerfallen und fragmentieren ebenso wie unsere Zeiterfahrung.