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Das erschöpfte Selbst
Alain Ehrenberg

In dem Augenblick, in dem sich die Depression in die Allgemeinmedizin und die Sitten verflüchtigt, beginnt die moderne Gesellschaft mit ihrer großen Transformation. Sie verlässt die Welt der Honoratioren, der Bauern und der Unbeweglichkeit der Klassenschicksale. Das wirtschaftliche Wachstum, die Entwicklung einer sozialen Absicherung, die Veränderungen im Erziehungssystem (die es zumindest formal den Kindern aus dem einfachen Volk ermöglichen, die Schule bis zum Abitur zu besuchen), die neuen Möglichkeiten sozialen Aufstiegs, die Veränderungen in der Familie, die neue Wohnungspolitik (die die extreme Enge mildert und den Raum für ein eigenes Leben vergrößert) all das trägt dazu bei, die Vorstellungen von der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft zu modifizieren. Die Verbesserung der materiellen Lebensgrundlagen sorgt dafür, dass Wohlstand nicht länger eine Hoffnung für die Zukunft bleibt, sondern zu einer Wirklichkeit wird, die auch den einfachen Bevölkerungskreisen zugänglich ist: Während man sich früher Komfort eventuell am Ende seines Lebens verdient hatte, können nun junge Paare mit einer Sicherheit und einem Niveau an Ressourcen beginnen, für das ihre Eltern ein ganzes Leben gearbeitet haben. Die Vorstellung, dass jeder seinen Weg machen kann, verbreitet sich, der Massenmensch setzt sich selbst in Bewegung. Das sorgt für neues Durcheinander.

Die Epidemiologie lehrt, dass sich die Depression in unserer Gesellschaft als eine Krankheit der Veränderung und nicht der ökonomischen und sozialen Misere ausgebreitet hat: Sie begleitet die Veränderungen all unserer Institutionen nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Überfluss bringt sie hervor, und nicht die Wirtschaftskrise. Die Depression beginnt in den Goldenen Dreißigern, in einer Zeit des wirtschaftlichen Fortschritts, wachsenden Wohlstands und eines allgemeinen Optimismus. Damals wird sie durch ihre Häufigkeit, ihre Ausbreitung und ihre Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu einem Problem für das Gesundheitswesen. 1967 schätz ein Experte der WHO, dass sich seit den ersten Untersuchungen in der gesamten Bevölkerung die Quote der Depressionen in 15 Jahren fast verdoppelt hat. Der American Mèdical Association zufolge, die 1989 eine Zusammenfassung von epidemiologischen Untersuchungen auf der Basis einer repräsentativen Stichprobe aus der Gesamtbevölkerung herausgibt, steigt das Risiko, eine Depression zu entwickeln, für Personen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind. Davon seien nicht nur allen Alterklassen betroffen, die Zunahme sei auch bei Männern relativ größer als bei Frauen. Auch die Heranwachsenden und die jungen Erwachsenen, die bis dato relativ immun waren, seien der Depression nun vermehrt ausgesetzt. Vom Anfang der 1980er Jahre bis Anfang der 1990er Jahre steigt die Rate der Depressiven nach Angaben von CREDES in Frankreich um 50 Prozent. Auch wenn diese Zunahme zum Teil daher rührt, dass sich die Menschen heute leichter als depressiv bezeichnen, erscheint die Erhöhung des Anteils der Depression doch völlig sicher.

Nun haben aber die nach 1945 Geborenen nicht nur die beste körperliche Gesundheit in der neueren Geschichte, sondern wuchsen auch in einer Zeit auf, die in einem neuartigen Wohlstand lebte. Verstädterung, räumliche Mobilität und das Aufbrechen emotionaler Bindungen, das mit ihnen einhergeht, das Anwachsen der sozialen Anomie, die Veränderungen in den Familienstrukturen, das Zerbrechen der traditionellen Geschlechterrollen usw. erhöhten die Depressionsrate in der Gesellschaft. Eines ist all diesen epidemiologischen uns statistischen Untersuchungen gemeinsam: Sie betonen die Bedeutung des (beschleunigten) gesellschaftlichen Wandels. Mitte der 1990er Jahre gab es in Deutschland zwei symbolträchtige Ereignisse: Die Linke kommt an die Macht, und ihr gesellschaftliches Projekt (das sie zur Linken machte) scheitert; der Unternehmenschef wird zum allgemeinverbindlichen Modell des Handels erhoben. Diese zwei Ereignisse hängen zusammen: Sie stehen für das Ende der beiden großen reformistischen und revolutionären Utopien, die das Wesen des Fortschrittgedankens ausmachten - die Gesellschaft als Solidargemeinschaft und die Alternative zum Kapitalismus. Das Bild des Unternehmenschefs ist nicht mehr das eines Großen, der über die Kleinen herrscht oder das eines Rentiers, der seinen Profit aus ihnen zieht, es wandelt sich zu einem Modell des Handelns, das für jeden Einzelnen verbindlich sein soll. Der Begriff des Unternehmers dient als Referenz, um Gesellschaft und Politik zu dynamisieren. Das private Handeln übernimmt die gesellschaftlichen Aufgaben des Staates, während das staatliche Handeln die privaten Modelle aufgreift. Die staatsbürgerlichen Unternehmen müssen sich mit Verwaltungen zusammenschließen, die wie Unternehmen funktionieren. In den Unternehmen weichen die disziplinarischen Modelle des Personalmanagements nach Taylor und Ford zugunsten von Normen, die autonomes Verhalten der Angestellten und Arbeiter fordern. Partizipatives Management, Qualitätszirkel und dergleichen sind die neuen Formen, Autorität auszuüben und jedem Beschäftigten Unternehmensgeist beizubringen.

Die neuen Modelle zur Regulation und Beherrschung der Arbeitskraft beruhen weniger auf mechanischem Gehorsam als auf Initiative: Verantwortung, die Fähigkeit, Projekte zu entwickeln, Motivation, Flexibilität - das ist die neue Liturgie des Managements. Das Bild des idealen Arbeiters ist nicht mehr das des Maschinenmenschen für repetitive Arbeit, sondern der flexible Unternehmer. Seit Beginn der 1980er Jahre wird mehr Engagement bei der Arbeit verlangt, gegen Ende des Jahrzehnts kommt noch größere Unsicherheit dazu. Das betrifft zuerst Unqualifizierte, steigt dann aber in der Hierarchie auf, bis die Unsicherheit in den 1990er Jahren die leitenden Angestellten erreicht. Karrieren lösen sich in nichts auf. Der Stil der Ungleichheiten verändert sich, was nicht ohne Konsequenzen für die kollektive Psychologie bleibt: Zu den Ungleichheiten zwischen sozialen Gruppen kommen die innerhalb der Gruppen hinzu. Der Anstieg der Ungleichheiten durch Prüfungserfolg und soziale Herkunft kann die Frustration und die Verletzungen der Selbstliebe nur erhöhen, denn nun ist es mein Nachbar, der mein Vorgesetzter oder Untergebener ist, nicht eine ferne Person. Der Wert, den sich eine Person selbst gibt, wird durch diesen Stil von Ungleichheit unsicher. Mit den Anforderungen wandeln sich die Probleme: Seit Mitte der 1980er Jahre verzeichnen Arbeitsmedizin und Unternehmensforschung die neue Bedeutung von Angst, psychosomatischen Störungen und Depressionen.

Das Unternehmen ist das Vorzimmer der Depression geworden. Die Schule durchläuft Veränderungen, die sich analog auf die Psychologie der Schüler auswirken. In den 1960er Jahren vollzog sich die soziale Auswahl im Wesentlichen vor der Schule. Heute dagegen, die Bildungssoziologie zeigt es eindeutig, bewirken die Schülermassen an den Gymnasien, dass sich die Auswahl während der gesamten Schullaufbahn vollzieht. Parallel dazu trifft die Kinder und Jugendlichen eine Steigerung des Imperativs des persönlichen und schulischen Erfolgs. Die Anforderungen an die Schüler wachsen, während er selbst die Verantwortung für seine Fehlschläge übernimmt, was nicht ohne persönliche Stigmatisierung abläuft. Auch hier verschiebt sich also der Modus der Ungleichheit. Die Funktionen der Sozialisation, die bis dahin die Familie wahrnahm, haben sich ab den 1960er Jahren überwiegend auf die Schule verlagert. Die Selbstentfaltung der Kinder, zu der die Psychologie sehr ermunterte, wurde zu wichtigsten elterlichen Aufgabe. Heute verzeichnen die Kliniker bei Patienten, die in jener Zeit geboren wurden, vermehrt Pathologien, die mit einer fragilen Identität hergehen. Sie sollen aus einer zweifellos übermäßigen Sentimentalisierung der elterlichen Funktionen resultieren. Die zunehmende Autonomie des Paars und der Familie und der Bedeutungsverlust der Ehe führen zu einer neuen Labilität, die häufig die symbolische Verortung des einzelnen durcheinanderbringt. Die Egalisierung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen den Generationen, führt zu einer Balance zwischen dem allgemeinen Vertragsdenken und beständigen Kräfteverhältnissen. Wenn die hierarchischen Grenzen verschwinden, verschwinden auch die symbolischen Unterschiede, mit denen sie verbunden sind.

Welchen Bereich man sich auch ansieht (Unternehmen, Schule, Familie), die Welt hat neue Regeln. Es geht nicht mehr um Gehorsam, Disziplin und Konformität mit der Moral, sondern um Flexibilität, Veränderung, schnelle Reaktion und dergleichen. Selbstbeherrschung, psychische und affektive Flexibilität, Handlungsfähigkeit: Jeder muss sich beständig an eine Welt anpassen, die eben ihre Beständigkeit verliert, an eine instabile, provisorische Welt mit hin und her verlaufenden Strömungen und Bahnen. Die Klarheit des sozialen und politischen Spiels hat sich verloren. Diese institutionellen Transformationen vermitteln den Eindruck, dass jeder, auch der Einfachste und Zerbrechlichste, die Aufgabe, alles zu wählen alles zu entscheiden, auf sich nehmen muss. Und diese Veränderung war lange Zeit gewollt, denn sie wurde im Horizont eines Fortschritts gesehen, der sich unendlich fortsetzen sollte, und einer sozialen Absicherung, die nur besser werden konnte. Heute betrachtet man sie eher mit gemischten Gefühlen, denn die Befürchtungen zu scheitern und die Angst, nicht damit zurechtzukommen, obsiegen über die Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Dann bliebe nichts übrig als die negativen Auswirkungen des Wandels, für die die Worte Anfälligkeit, Zerbrechlichkeit und Labilität stehen.
Wir verändern uns, gewiss, doch haben wir nicht mehr den Eindruck, uns weiterzuentwickeln. In Kombination mit allem, was einen heute dazu bringt, sich für sein eigenes Inneres zu interessieren, lenkt die Zivilisation der Veränderung eine massive Aufmerksamkeit auf das psychische Leiden. Es quillt überall hervor und ist an den verschiedenen Märkten des inneren Gleichgewichts beteiligt. In den Begriffen der Implosion, des depressiven Zusammenbruchs, oder, was auf das gleiche hinausläuft, der Explosion - Gewalt, Wut oder Suche nach Reizen - manifestiert sich heute ein großer Teil der sozialen Spannungen. Wie die zeitgenössische Psychiatrie uns lehrt, kann persönliche Unfähigkeit in Hemmung erstarren, in Impulsivität explodieren oder zu unermüdlichen Wiederholungen im Zwangsverhalten werden. Die Depression steht somit am Schnittpunkt von Handlungsnormen und einem Leidensbegriff, der sich auf soziale Probleme ausweitet (sowie der neuen Antworten, die die Pharmaindustrie anbietet).